ACHILLES’ VERSE
Achim ist schockiert, als er beim Jogging im Stadion Wilmersdorf bei den Bundesjugendspielen zuschaut. Einige Schüler kommen gar nicht ins Ziel, andere wollen sich ihre Klamotten nicht dreckig machen. Kein Wunder, dass wir keine Medaillen mehr holen.
Oh, heilige Ruhe in meiner Oase der Meditation. Der wunderbarste Ort an einem trüben Berliner Herbstwochentag liegt eingebettet zwischen Kleingartenkolonie, Autobahnkreuz und Friedhof: das Stadion Wilmersdorf. Großer Sport wird hier schon lange nicht mehr getrieben. Eine Kurve der Tribüne wurde begrünt, in der anderen wächst Wein der Sorte Bleierner Schöneberger. Der Rasen ist welk, aber die Tartanbahn aus unerfindlichen Gründen neulich repariert worden.
Welch ein Luxus - ein Privatstadion, garantiert walkerfrei, kaum Zeugen, die über mich grinsen und auch kein Stress durch Horden tumber Tempobolzer, die irren Blicks weißen Speichelschaum ausschnauben. Hier ist man Schlurfer, hier darf man schleichen. Nur selten fegt ein drahtiger Jüngling über die Bahn und macht zehnmal 1000 Meter in der gleichen Zeit wie ich achtmal 500.
Früher hätte ich den Knaben verdammt für seine billige Angeberei. Schnell kann doch jeder. Als gelassener Routinier weiß ich: Die Kunst liegt im ausgiebigen Genuss der Strecke. Der Muskelfaserriss wird den Heißsporn früh genug ereilen. Manchmal ist eine ältere Dame da, die schon vor 70 Jahren ihre Keulen geschwungen hat. Ihr Prusten wird noch das Gebiss auf den Tartan wehen. Zweimal habe ich sie überrundet. In meinem Alter lässt man keinen Triumph aus.
Noch aufbauender als alte Damen sind Schüler. Neulich hatte sich wieder ein Rudel in meinem Privatstadion zusammengerottet. Sie nennen es Bundesjugendspiele, für mich ist es das Grauen, wenn Samantha und Kevin laufen, springen, werfen. Bundesjugendspiele sind der Beweis, dass unser Nachwuchs auch physisch jeden Pisa-Test versemmeln würde: Laufen als Survival-Übung, Sprunggruben als Gefahr für die Garderobe und ein Schlagball als Suizid-Instrument.
Mit großen Augen starrten die jungen Menschen und ihre pädagogischen Betreuer mich, den älteren Herren an, der tatsächlich freiwillig Runden lief. Unfreiwillig wurde ich Zeuge eines 100-Meter-Laufs, dessen Teilnehmerinnen nur knapp dem Notarzt entgingen. War es der Frottee-Anzug, der das dicke Mädchen daran hinderte, die Distanz zu bewältigen? Wobei ihre hagere Mitschülerin in der knapp geschnittenen Jeans auch nicht schneller war. Es lag wohl an der Handtasche, die sie um die Schulter gehängt hatte. Ballerinas dagegen sind nicht schlecht für Sprintdistanzen. Beide Läuferinnen kollabierten jedenfalls solidarisch auf der Hälfte. Ein Mädchen mit Kopftuch legte sich wenig später dazu. Die vier moppeligen Lehrerinnen am Zeitnehmertisch warteten geduldig, bis Britney, Paris und Shakira ins Ziel getaumelt waren.
An der Sprunggrube führte ein Pädagoge das Kommando, der aussah wie Peter Maffay. Mangelnde Größe kompensierte er mit Lederjacke und zehenquetschend spitzen Stiefeln. Ernst nahmen ihn die Schüler dennoch nicht. Seine Kommandos jedenfalls gingen immer wieder ins Leere. Kein Wunder, wenn alle jungen Athleten Ohrstöpsel tragen. Früher hatten wir Probleme, den Balken beim Absprung zu treffen. Heute vermeidet es die Jugend, die Sprunggrube zu berühren. Sie landen auf den Zehenspitzen, um ihre blütenweiße Hosen, Jacken und Basketballschuhe nicht zu ruinieren. Selten waren Sportklamotten weniger für Sport zu gebrauchen als diese Rapper-Verkleidung.
Auf der anderen Seite des Stadions versuchte sich der Nachwuchs im Schlagballweitwurf. Offenbar hatten manche Schüler erstmals so ein Sportgerät in der Hand. Ein Mädchen in Leggins und Daunenjacke, das aussah wie Mandy, verlor den Ball beim Ausholen. Macht minus sechs Meter. Beim nächsten Versuch warf sie den Ball zwar, aber leider hoch statt weit. Er fiel ihr fast vor die Füße. Resultat nach zwei Durchgängen: minus drei Meter. Ich hatte genug gesehen und trat die Flucht an, die Treppenstufen empor. Oben kamen gerade ein paar grinsende Rap-Clowns angeschlendert, schnippten die Kippen ins Gebüsch und riefen beim Hinabsteigen zum Lederjacken-Bonsai: “Herr Baumann, wir sind leider verletzt.” Ich begrub sämtliche Medaillenhoffnungen für die nächsten 20 Jahre.
[Quelle: spiegel.de/.../achilles/0,1518,514180,00.html]